Die Abschiebung

Am 13. Februar 2007 wird Saliha Kazan morgens um vier Uhr wach, weil jemand an der Wohnungstür klingelte. Sie geht an die Türe und fragt, wer da sei. Man antwortet ihr, es sei die Polizei, sie solle sofort öffnen, sonst würde die Tür aufgebrochen. Sie öffnet und als sie die Situation verstanden hat, bittet sie die Polizisten, leise zu sein, damit sie ihre Kinder selbst wecken könne, dass sie sonst in Panik gerieten. Die Beamten – mehrere Männer und eine Frau - besetzen jedoch sofort alle Räume und drängen zum Aufbruch. Sie ziehen die Telefonkabel aus der Wand und sammeln alle Handys ein. Sie überwachen das Anziehen und das Packen. Die inzwischen aufmerksam gewordenen Nachbarn versuchen zu den Kazans zu gelangen, um ihnen zu helfen und sie zu trösten. Das wird unterbunden. Lediglich Herr Kazan darf einer Nachbarin die Telefonnummern seiner Anwältin und seines Bruders geben. Alle Kazans weinen. Gegen 5 Uhr fährt der Bus ab. In Düsseldorf steht ein Charterflugzeug bereit, das die Familie und etwa 2 Dutzend weitere Personen nach Istanbul ausfliegt.

Dort wird die Familie zunächst ins Gefängnis gebracht, bald aber wieder freigelassen. Sie begibt sich auf den Weg in die Provinz Sirnak, im äußersten Südosten des türkischen Staatsgebiets im Dreiländereck Türkei-Syrien-Irak. Von dort bis zur Landesgrenze sind es nur ca. 30 km. Über dieses Gebiet wurde kürzlich der Ausnahmezustand verhängt und die türkische Armee liefert sich heftige Kämpfe mit kurdischen Rebellengruppen. Es ist Kriegsgebiet.
Landkarte
Auf Anraten ihrer deutschen Freunde, die noch am Tag der Abschiebung telefonisch Kontakt mit der Familie aufnahmen, hatte die Familie zunächst versucht in Istanbul zu bleiben. Da aber niemand in der Familie türkisch sprechen kann und sie völlig mittellos sind, fanden sie sich dort nicht zurecht und begaben sich in das Heimatdorf des Vaters.
MArdin
Die zivilisatorische Situation in den ländlichen Gebieten der Provinz Sirnak gleicht der in einem Entwicklungsland. Am jetzigen Aufenthaltsort der Familie gibt es kein fließendes Wasser, keine befestigten Straßen, keine Schule, Strom nur für einige Stunden am Tag
Eine medizinische Infrastruktur ist in einem erreichbaren Umkreis nicht vorhanden. Es gibt in der Gegend nur einen Tierarzt. Den suchte die Familie auf, als sich der Gesundheitszustand des mit einem schweren Herzfehler geborenen 5-jährigen Ömer akut verschlechterte. Der Tierarzt konnte nicht helfen. Zum Glück gelang es den deutschen Freunden der Familie, die notwendigen Medikamente zu besorgen und der Familie zukommen zu lassen.
Die Angehörigen des Vaters leben selbst sehr beengt. Während des Tags hält sich die Familie Kazan im Elternhaus von Herrn Kazan auf. Zum Schlafen werden sie auf die Häuser von Nachbarn verteilt. Es stellt sich die Frage, wie lange dieses Provisorium andauern kann, wann die Duldsamkeit der Verwandten und Nachbarn erschöpft ist.
Die Familie hat 14 Jahre in Deutschland gelebt. Die Kinder sind aufgewachsen wie deutsche Kinder. Besonders die Mädchen trifft die Abschiebung in eine Welt mit rigiden archaischen Rollenerwartungen hart. Die beiden älteren gelten dort schon als Frauen. Sie müssen sich verhüllen, wenn sie aus dem Haus gehen. Da sie gute Schülerinnen waren und die Hoffnung auf eine Rückkkehr noch nicht aufgegeben haben, versuchen sie ihren schulischen Bildungsstand durch entsprechendes Lernen zu halten. Da dies im Widerspruch zu dem dort herrschenden Frauenbild steht, unterbindet die Großmutter diese Bemühungen.

Gedächtnisprotokoll der Abschiebung der Familie KAZAN
verfasst von drei Augenzeugen aus dem Haus Wiesenstraße 20 in Rothenbergen

Am Dienstag, dem 13. Februar 2007 um 4.50 Uhr am frühen Morgen klingelte es an unserer Haustür. Mein Mann hatte bereits um 4.30 Uhr das Haus verlassen um zur Arbeit zu fahren. Ich glaubte, er habe etwas vergessen und sei zurückgekommen. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie mehrere Polizisten und eine Polizistin unseren Nachbarn, Herrn Selim Kazan über den Hof führten. Ich sah auch Frau Kazan und die sechs Kinder draußen. Vor dem Haus stand ein großer Bus und mehrere Autos. Es war dunkel draußen, aber im Bus war Licht. Frau Kazan schrie auf kurdisch: „Ayse, hilf uns, meine Familie wird zerstört!“ Ich weckte schnell meine beiden Töchter und wir rannten nach unten. Wir wollten zu den Kazans hingehen, aber die Polizisten hinderten uns daran und wollten wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Sie wollten nicht verstehen, bis ich sie auf unseren Namen an der Türklingel hinwies. Wir versuchten, zu Frau Kazan und den Kindern zu gelangen, um uns wenigstens von ihnen zu verabschieden, aber die Polizei sagte: „Stop, Sie dürfen da nicht hin!“ ‐ Alle Kazans weinten. Die Polizistin und ein Polizist lachten und machten Spaß untereinander. Niemand sprach mit den Kindern. ‐ Meine älteste Tochter lief in unsere Wohnung zurück, um ein Schreibgerät zu holen. Herr Kazan gab uns die  Telefonnummern seiner Anwältin und seines älteren Bruders und den Wohnungsschlüssel.

Er wollte uns noch weitere Informationen geben, wurde aber von der Polizei daran gehindert und in den Bus geführt. Herr Kazan hielt den fassungslos weinenden kleinen Ömer an der Hand. Ömer schrie immer wieder: "Tante, hilf mir!" Wir sahen dann die Kinder zusammengedrängt und weinend hinten im Bus sitzen. Frau Kazan lag im Bus, wie wenn sie sterben wollte, die Augen nach oben gerichtet und die Hände im Gebet nach oben gestreckt. Von Istanbul aus berichtete Frau Kazan uns telefonisch, die Polizei habe etwa um 4 Uhr bei ihnen geklingelt und gerufen, sie sollten sofort aufmachen, sonst würde die Tür aufgebrochen. Frau Kazan öffnete, und als sie die Situation begriffen hatte, bat sie die Polizisten leise zu sein und ihr zu erlauben, ihre Kinder selbst zu wecken, damit sie nicht in Panik geraten. Aber die Beamten drängten sofort in die Wohnung und in alle Zimmer und mahnten zur Eile: “Schnell, schnell, wenn ihr ruhig seid, dürft ihr noch eure Anziehsachen packen.“ Die Polizisten zogen das Telefonkabel aus der Wand und sammelten die Handys ein und sie überwachten das Anziehen und das Packen. ‐ Gegen 5 Uhr fuhr der Bus ab. Familie Kazan wurde zum Flughafen Düsseldorf gefahren und mit einem Charterflugzeug sofort nach Istanbul geflogen. Frau Kazan wurde an Armen und Beinen ins Flugzeug getragen, was Hämatome an allen Gliedmaßen zur Folge hatte. Sie rief den Polizisten zu: "Ich bin nur eine Mutter und keine Terroristin. Demütigt mich nicht vor meinen Kindern!" Sie fand aber kein Gehör. In Istanbul wurde die Familie zunächst in ein Gefängnis gebracht, aber bald wieder freigelassen. Am nächsten Tag bestiegen sie einen Bus in Richtung Mardin / Osttürkei, der Heimat von Herrn Kazans Familie. Frau Dahlheimer gelang es, diesen Bus ausfindig zu machen und die Familie mit Hilfe des Handys des Busfahrers zur Rückkehr nach Istanbul zu bewegen.