Am Dienstag, dem 13. Februar 2007 um 4.50 Uhr am frühen Morgen klingelte es an unserer Haustür. Mein Mann hatte bereits um 4.30 Uhr das Haus verlassen um zur Arbeit zu fahren. Ich glaubte, er habe etwas vergessen und sei zurückgekommen. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie mehrere Polizisten und eine Polizistin unseren Nachbarn, Herrn Selim Kazan über den Hof führten. Ich sah auch Frau Kazan und die sechs Kinder draußen. Vor dem Haus stand ein großer
Bus und mehrere Autos. Es war dunkel draußen, aber im Bus war Licht. Frau Kazan schrie auf
kurdisch: „Ayse, hilf uns, meine Familie wird zerstört!“ Ich weckte schnell meine beiden Töchter und wir rannten nach unten. Wir wollten zu den Kazans hingehen, aber die Polizisten hinderten uns daran und wollten wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Sie wollten nicht verstehen, bis ich sie auf unseren Namen an der Türklingel hinwies. Wir versuchten, zu Frau Kazan und den Kindern zu gelangen, um uns wenigstens von ihnen zu verabschieden, aber die Polizei sagte: „Stop, Sie dürfen da nicht hin!“ ‐ Alle Kazans weinten. Die Polizistin und ein Polizist lachten und machten Spaß untereinander. Niemand sprach mit den Kindern. ‐ Meine älteste Tochter lief in unsere Wohnung zurück, um ein Schreibgerät zu holen. Herr Kazan gab uns die Telefonnummern seiner Anwältin und seines älteren Bruders und den Wohnungsschlüssel.
Er wollte uns noch weitere Informationen geben, wurde aber von der Polizei daran gehindert
und in den Bus geführt. Herr Kazan hielt den fassungslos weinenden kleinen Ömer an der Hand. Ömer schrie immer wieder: "Tante, hilf mir!" Wir sahen dann die Kinder zusammengedrängt
und weinend hinten im Bus sitzen. Frau Kazan lag im Bus, wie wenn sie sterben wollte, die Augen nach oben gerichtet und die Hände im Gebet nach oben gestreckt. Von Istanbul aus berichtete Frau Kazan uns telefonisch, die Polizei habe etwa um 4 Uhr bei ihnen geklingelt und gerufen, sie sollten sofort aufmachen, sonst würde die Tür aufgebrochen. Frau Kazan öffnete, und als sie die Situation begriffen hatte, bat sie die Polizisten leise zu sein und ihr zu erlauben, ihre Kinder selbst zu wecken, damit sie nicht in Panik geraten. Aber die Beamten drängten
sofort in die Wohnung und in alle Zimmer und mahnten zur Eile: “Schnell, schnell, wenn ihr ruhig seid, dürft ihr noch eure Anziehsachen packen.“ Die Polizisten zogen das Telefonkabel aus der Wand und sammelten die Handys ein und sie überwachten das Anziehen und das Packen. ‐ Gegen 5 Uhr fuhr der Bus ab. Familie Kazan wurde zum Flughafen Düsseldorf gefahren und mit einem Charterflugzeug sofort nach Istanbul geflogen. Frau Kazan wurde an Armen und Beinen ins Flugzeug getragen, was Hämatome an allen Gliedmaßen zur Folge hatte. Sie rief den Polizisten zu: "Ich bin nur eine Mutter und keine Terroristin. Demütigt mich nicht vor meinen Kindern!" Sie fand aber kein Gehör. In Istanbul wurde die Familie zunächst in ein Gefängnis gebracht, aber bald wieder freigelassen. Am nächsten Tag bestiegen sie einen Bus in Richtung Mardin / Osttürkei, der Heimat von Herrn Kazans Familie. Frau Dahlheimer gelang es, diesen Bus ausfindig zu machen und die Familie mit Hilfe des Handys des Busfahrers zur Rückkehr nach Istanbul zu bewegen.